Dr. Stefanie Mahrer, Jerusalem
Die jüdischen Einwohner und Einwohnerinnen des Jurabogens, der sich über die Kantone Neuenburg, Bern, Jura und Waadt spannt, stammen fast ausschliesslich aus dem an die Schweiz grenzenden elsässischen Sundgau. Laut vorliegenden Quellen lässt sich die erste Anwesenheit elsässischer Juden im damaligen preussischen Fürstentum Neuenburg auf das Jahr 1767 datieren. Aber erst fünfzig Jahre später kann man von einer ersten bedeutenden Einwanderungswelle in das Gebiet der Juras sprechen.
Wie in den meisten Ländern Europas war auch den Juden im Elsass der Besitz von Land untersagt und somit waren sie von der Möglichkeit, als Landwirte ihr Auskommen zu sichern, ausgenommen. In der einschlägigen Forschung wird stets auf die wichtige Position der Juden auf dem Land als Händler und Kreditgeber verwiesen.[1] Die Händler fungierten während Jahrhunderten als Bindeglied zwischen Land und Stadt, zwischen Produktion und Abnehmermarkt. Ein über Generationen angeeignetes Wissen über Vieh und Pferde machte sie zu Spezialisten auf diesem Gebiet.[2] Die bevölkerungsstatistischen Erhebungen aus den Jahren 1836 bis 1866 zeigen aber, dass die Berufsstruktur der Sundgauer Juden weit heterogener war.[3] Die Bevölkerungsstatistik zeigt, dass die Händler zahlenmässig überwogen, Handwerker aber keinesfalls nur eine unbedeutende Minderheit ausmachten. Aus den Akten heraus wird auch ersichtlich, dass Väter ihr berufliches Wissen ihren Söhnen weitergaben.
Auffallend ist, dass sich niemand selbst als Geldleiher oder Kreditgeber bezeichnet. Nachgewiesenermassen waren aber jüdische Händler bis zur Entwicklung eines eigentlichen Bankenwesens[4] für die Versorgung der Landbevölkerung mit Bargeld und Krediten verantwortlich. Man kann vermuten, dass das Geschäft des jüdischen Geldleihers derart mit Vorurteilen behaftet schien, dass eine neutralere Bezeichnung gewählt wurde. So muss davon ausgegangen werden, dass sich hinter der Berufsbezeichnung „Négociant“ Geldleiher verstecken.
Die grossen jüdischen Gemeinden des Elsass schrumpften gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf wenige Mitglieder zusammen. In Hegenheim zum Beispiel verdoppelte sich die jüdische Bevölkerung in den Jahren 1784 bis 1838 von 409 auf 845 Personen, 1861 zählte sie noch 646, 1871 413, 1880 285 und schliesslich kurz nach der Jahrhundertwende noch 110 Personen.[5]
Das Elsass im Allgemeinen und Hegenheim im Speziellen sind hinsichtlich Migration stark geprägt von ihrer politisch-geographischen Lage an der Landesgrenze zur Schweiz und zu Südbaden. Insbesondere die direkte Grenze zu Basel war wirtschaftlich für die Hegenheimer Juden von grosser Bedeutung. Obwohl die Stadt Basel bis weit in das 19. Jahrhundert die Niederlassung von Juden auf ihrem Hoheitsgebiet untersagte, lebte eine relativ stabile Anzahl an jüdischen Händlern sowie einige wenige Familien im Stadtgebiet. Zwischen dem Dorf Hegenheim und der Stadt Basel bestanden gefestigte Migrationswege, die in beide Richtungen beschritten wurden.
Damit lässt sich als Erstes festhalten, dass Mobilität im Elsass ein Teil des alltäglichen Lebens ausmachte. Geographische Mobilität war nicht nur Teil der beruflichen Existenz, sondern auch bestimmend für den privaten Bereich. Ehen zum Beispiel wurden selten von zwei jungen Menschen desselben Dorfes geschlossen. Der Heiratsmarkt war nicht lokal, sondern regional gegliedert und umfasste neben dem Elsass auch Südbaden und Teile der Schweiz. Migration hatte in der elsässischen Lebenswelt grundsätzlich keine trennenden Charakteristika, vielmehr war sie ein verbindendes Element, indem neue Kommunikationswege und –räume geschaffen wurden.
Zweitens gelten Krisen als Auslöser für Migration: Antisemitische Ausschreitungen, wie zum Beispiel der weiter oben erwähnte Judenrumpel von Hegenheim (1848), lösten Fluchtbewegungen aus. Auch wenn einige der Flüchtlinge eine Rückkehr in den Heimatort ablehnten, sind die Fluchtbewegungen des 19. Jahrhunderts als temporäre Migration zu verstehen. Es waren hauptsächlich junge Leute, die in den Immigrationsakten des Juras aufscheinen. Wenn antisemitische Ausschreitungen und Ressentiments der primäre Grund für die Emigration ausmachten, müssten die Altersgruppen unter den Migranten gleichmässiger vertreten sein. Weit bedeutender für die Abnahme der jüdischen Landbevölkerung im Elsass zeigten sich denn auch wirtschaftliche Gründe. Die Einführung eines, wenn auch rudimentären Banksystems in den 1830er Jahre entriss den jüdischen Händlern einen wichtigen Teil ihrer Geschäftstätigkeit. Ableger der grossen, teilweise jüdischen Bankhäuser der städtischen Zentren bauten auf dem Land kontinuierlich ein neues Kreditwesen auf. Über Jahrhunderte hatten jüdische Händler die ländliche Wirtschaft durch das Gewähren von (Klein)krediten ermöglicht und gleichzeitig durch ihre Mittlerrolle zwischen Stadt und Land letzteres mit Bargeld versorgt. Die erste grosse Auswanderungswelle aus dem Elsass fällt auf die Krisenzeit, von der die jüdische Landbevölkerung stark betroffen war. Missernten in den Jahren 1816/17 lösten in der Gesamtbevölkerung eine allgemeine Emigrationsbewegung aus und verstärkten die jüdische Abwanderung. Die zweite und zahlenmässig bedeutendere Immigrationswelle in den Jura fällt just in diese Krisenzeit.
Während die geographische Lage die grundlegende Einstellung zu Migration definierte und den Heimatsbegriff sowohl als lokale wie auch als regionale Grösse verstand, sind die Momente der Krise als push-Faktoren, wie sie in der traditionellen Migrationsforschung benannt werden, zu verstehen.
Migration wird aber drittens auch von positiven Faktoren beeinflusst und begünstigt – für den Fall der Abwanderer in das Gebiet des Neuenburger Juras ist als einer dieser positiven Faktoren der Erfolg zu nennen. Die erfolgreiche Niederlassung, der wirtschaftliche Aufstieg ab Mitte des 19. Jahrhunderts und die damit verbundenen sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen lösten die bedeutendste und am längsten anhaltende Migrationsbewegung vom Elsass in den Jura aus. Die Altersstruktur der Emigranten unterstützt die Annahme, dass es sich bei der Immigration nach La Chaux-de-Fonds, wie auch nach Avenches oder Porrentruy, vornehmlich um Migration zwecks Verbesserung des ökonomischen Standes handelte: Die Migranten waren vornehmlich junge und ledige Männer. Das Wissen um den Erfolg der Ausgewanderten in den Heimatsgemeinden erklärt sich durch den engen Kontakt, der zwischen dem Elsass und den jurassischen Ortschaften aufgebaut wurde. Das Eintreten von elsässischen Juden in La Chaux-de-Fonds in das Berufsfeld der Uhrmacher bewog einige junge Männer im Elsass sich temporär für eine Uhrmacherausbildung in die Uhrenstadt zu begeben, um anschliessend im Elsass eigene Handwerksbetriebe aufzubauen.[6] Aus Polizei- und Gerichtsakten ist zu entnehmen, dass die Uhrmacherei als Kontaktkanal zwischen den jurassischen Ortschaften und den elsässischen Dörfern diente. Die als Uhrmacher zurückkehrenden Männer wollten weder auf qualitativ gute Uhrenteile verzichten noch auf die technischen Werkzeuge, die sie während ihrer Ausbildung zur Verfügung hatten. Die Einfuhr dieser Teile und Werkzeuge wurde durch die französische Protektionspolitik erschwert. Dieser Konflikt schlug sich nicht zuletzt in juristischen Prozessen gegen Schmuggel, der zwischen der Schweiz und dem Elsass florierte, nieder. Für einige der nun elsässisch-jüdischen Uhrmacher war die illegale Einfuhr von Werkzeugen und Material der einzige Weg, Uhren, die ihren Qualitätsansprüchen genügten, herzustellen.
Der wirtschaftliche Erfolg und der gesellschaftliche Aufstieg der Immigranten in La Chaux-de-Fonds, die rechtliche Gleichstellung der Juden in der Schweiz im Jahr 1866[7] und nicht zuletzt der Deutsch-französische Krieg der Jahre 1870-1871 führten dazu, dass multiple Migrationsbewegungen zugunsten Migration in eine Richtung abnahmen. Die jüdischen Gemeinden der elsässischen Dörfer verloren den grössten Teil ihrer Mitglieder, während in den städtischen Zentren neue Gemeinden aufgebaut wurden, in den Dörfern des Elsass die über 1000jährige jüdische Anwesenheit zu Ende ging und neue Räume wurden zu Heimat – ein solch neuer Ort war La Chaux-de-Fonds.
Wohl ab Mitte des 18. Jahrhunderts beschritten jüdische Edelmetall- und Viehhändler das Gebiet des heutigen Kantons Neuenburg.[8] Ein Ausweisungsbeschluss des Neuenburger Rates aus dem Jahr 1767 gegen alle Juden, die sich in ihrem Hoheitsgebiet niedergelassen hatten, verfügte, dass diese erst wieder zurückkehren dürfen, wenn sie gültige Papiere aus ihrer Heimatgemeinde vorlegten.[9] Dieser Beschluss besagt nichts anderes, als dass jüdische Händler nicht nur als Reisende ihre Ware absetzten, sondern dass sich einige auf dem Gebiet niederliessen. Auch die Existenz einer „Rue des juifs“ spricht dafür, dass La Chaux-de-Fonds nicht nur von durchziehenden jüdischen Händlern besucht wurde, sondern dass einige Händler in der Stadt Wohnsitz nahmen. Auf dem ersten Stadtplan nach dem verheerenden Feuer 1794 waren keine Strassenbezeichnungen aufgeführt, auf dem Plan von 1830 war die Rue des Juifs klar gekennzeichnet. Sie führte von Nordosten her, also von Saint-Imier ins Zentrum des Ortes zum Place de Hôtel de Ville. Die Strasse ist somit eindeutig als den Weg auszumachen, den Händler beschritten, um vom Elsass über Basel und Saint-Imier nach La Chaux-de-Fonds zu gelangen. Ob sie aber nur als Verweis auf den Händlerberuf der jüdischen Bewohner oder aber auch als jüdisches Zentrum zu verstehen ist, kann heute nicht mehr eruiert werden.
Es ist nicht mehr bekannt, ob es bei diesen Händlern um unverheiratete Männer handelte oder ob sich ganze Familien niederliessen, auch nicht bekannt ist, ob die ausgewiesenen Juden dem Ausweisebeschluss von 1767 Folge leisteten. Denn schon 1772 treffen Informationen aus La Chaux-de-Fonds betreffend jüdischer (Schwarz)händler bei der Regierung ein. 1777 ersuchten gar drei mit Namen unbekannte Brüder und ein Mann mit Namen Brunswick um Verlängerung der Niederlassungsbewilligung in Le Locle, respektive in La Chaux-de-Fonds. Ansässige Händler wehrten sich allerdings gegen diese Konkurrenz und reichten am 18. Juni 1782 bei der Regierung den Antrag auf endgültige Ausweisung der Juden ein. Mit einem Bittgesuch versuchten jedoch 835 christliche Einwohner dieses Ansinnen zu verhindern, da die ungefähr zehn jüdischen Händler nicht nur gute Abnehmer von Uhrenbestandteilen oder gar ganzen Zeitmessern waren, sondern auch durch Import und Export die zu dieser Zeit immer noch rural geprägte Wirtschaft belebten. Die Regierung liess sich durch die Fürsprecher nicht beeinflussen und verfügte wiederum eine Ausweisung, die jedoch nie durchgesetzt wurde.[10]
Jüdische Händler waren in der Tat wichtige Abnehmer für Uhrenprodukte der welschen Region. Bessergestellte elsässische Juden standen mit einigen Basler Kaufleuten in engem Handelskontakt. Da ihnen bis gegen Mitte des 19. Jahrhunderts die Niederlassung in der Stadt und das Halten von Warenlager untersagt blieb, verlegten sie den Handel auf leicht zu transportierende Gold- und Silberwaren, Schmucksteine und Uhren, was insbesondere den Gold- und Silberschmieden sowie den Uhrmachern Kleinhüningens Auftrieb verschaffte, da diese, anders als die baselstädtische Uhrmacherei und der Uhrenhandel, nicht zünftig organisiert war, respektive vom Zunft- und Marktrecht ausgeschlossen waren.[11] Die städtische Uhrmacherei Basels, die in erster Linie für den eigenen Absatzmarkt produzierte und aufs äusserste bemüht war, den Import von ganzen Uhren zu verhindern, wurde nicht nur durch die jüdischen Händler, sondern allgemein durch den Handel mit welschen Uhrenprodukten in Bedrängnis gebracht.[12]
Jüdische Uhrenhändler traten also ab Mitte des 18. Jahrhunderts in Erscheinung und erschlossen nicht nur die Handelswege zwischen den neuenburgischen Gebieten über Basel nach Frankreich, sondern waren für die Wirtschaft auch bald von grosser Bedeutung. Anders ist das vehemente Einstehen von über 800 Einwohner für den Verbleib der Juden in La Chaux-de-Fonds und in Le Locle nicht zu verstehen. Die Bestrebungen Basels hingegen, wo Kaufleute, auch wenn unter ihnen Ausnahmen zu verzeichnen sind, und Rat gleichermassen mit aller Kraft versuchten, Juden vom Handel auszuschliessen, sprechen dafür, dass der Uhrenhandel mit welschen Produkten eine ernsthafte Gefahr für die eigene Handwerkszunft darstellte. Die Ablehnung Basels gegenüber Juden fusste keinesfalls nur auf religiös motivierten Vorurteilen, sondern mindestens ebenso stark auf wirtschaftlichen Bedenken und spricht, zumindest im Falle der Uhrenhändler, für deren erfolgreiche Geschäftsführung.[13] Das Votum eines Teils der jurassischen Bevölkerung für die jüdischen Händler verweist aber auch auf einen weiteren Aspekt, nämlich auf den wachsenden Erfolg der Uhrenproduktion in den Hügeln des schweizerischen Juras. Die jurassischen Uhrmacher produzierten, anders als die Basler, nicht für den Binnenmarkt, sondern für den Export, und waren dadurch an einer heterogenen Händlerschaft interessiert, denn die Heterogenität verhinderte Monopolbildung und dadurch den Druck auf Preise von Seiten der Händler. Das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts markiert den rasanten Aufstieg der schweizerischen, insbesondere der jurassischen Uhrenfertigung.
Die aufstrebende Uhrenindustrie in Neuenburg zog nicht nur Uhrmacher und Arbeitskräfte nach La Chaux-de-Fonds und Le Locle, sondern vermehrt auch Händler, die für den Wachstum der Uhrmacherei ebenso relevant waren wie die Fachleute und die einfachen Arbeiter. In dieser wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufbruchsstimmung liessen sich auch die ersten jüdischen Händler nieder, die ihrerseits über teilweise gut gefestigte Handelsbeziehungen nach Basel und nach Frankreich verfügten, so für den Absatz von Uhren sorgen konnten und gleichzeitig als Edelmetallhändler einen Teil der benötigten Rohstoffe importierten. Hierin ist also als Erstes ihre Funktion für die Distribution der Uhren und deren Bestandteile erkennbar. Es ist davon auszugehen, dass jüdische Viehhändler schon früher Handelsbeziehungen in den Jura pflegten, denn die jurassische Agrarwirtschaft lebte, da der Boden für Landwirtschaft nur in beschränkten Massen tauglich war, von Viehmast. Ende Frühjahr wurde mageres und dadurch günstiges Vieh erworben, das im Herbst gemästet wieder verkauft wurde. Dadurch kamen die Viehbauern in Kontakt mit Viehhändlern und Metzgern aus Basel und Strassburg.[14] Als Uhrenhändler aber legten sie den Grundstein für die späteren jüdischen Gemeinden im Arc du Jura.
Die äusserst dünne Quellenlage lässt wenige Aussagen über das Leben der ersten jüdischen Bewohner La Chaux-de-Fonds zu. Alleine der unsichere Rechtsstatus lässt sich anhand der überlieferten Quellen rekonstruieren.[15] Die Zeit der Helvetik bedeutete für die Juden Neuenburgs, wie in den übrigen Gebieten der heutigen Schweiz, eine Zeit von relativer Rechtssicherheit. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 und dem daraus folgenden Zusammenbruch des napoleonischen Systems, als Neuenburg wiederum der Preussischen Krone zugesprochen und gleichzeitig zum 21. Kanton der Eidgenossenschaft erklärt wurde, gingen auch wieder vermehrt Anträge auf Ausweisung der Juden von Seiten christlicher Händler ein. Diese Anträge wurden von Historikern als Zeichen von Eifersucht gelesen, denn eine Vertreibung der jüdischen Händler wäre unter volkswirtschaftlichen Aspekten keineswegs sinnvoll gewesen.[16]Tatsächlich sprach der Rat wiederholt Ausweisebeschlüsse aus, die aber nie durchgesetzt wurden.[17] Im Dezember 1818 setzten sich – ähnlich wie 1782 – christliche Établisseure von Le Locle und La Chaux-de-Fonds für den Verbleib der jüdischen Händler ein, scheiterten zunächst jedoch mit ihrem Antrag. Erst zu Beginn des Jahres 1819 revidierte der Neuenburger Rat, nach einer Intervention des französischen Geschäftsträgers Talleyrand und des Preussischen Ministers Fürst von Hardenberg, den letzten Beschluss.[18] Das Niederlassungsrecht für die jüdischen Familien musste jedoch jährlich erneuert werden.[19] Die Meldung des Maire von La Chaux-de-Fonds im Jahr 1839, dass in seiner Stadt 36 Juden, Frauen und Kinder nicht mitgezählt, lebten, die einen äusserst schlechten Einfluss auf den Handel hätten, blieb im Staatsrat ohne Folgen.[20] Auf gesetzlicher Ebene kann die Rechtslage bis zur Gewährung der freien Niederlassung durch den Kantonsrat im Jahr 1857[21] nicht als gesichert betrachtet werden, in der Praxis schien Vertreibungen jedoch nicht mehr möglich zu sein, wobei es La Chaux-de-Fonds wiederholt zu verhindern wusste, jüdischen Immigranten eine Aufenthaltsbewilligung zu gewähren.[22]
In der Retrospektive sehen wir eine seit dem 18. Jahrhunderts kontinuierlich anwachsende jüdische Gemeinschaft im Neuenburger Jura, für die Betroffenen selbst war diese Kontinuität wohl nur schwer vorhersehbar. Einerseits konnten die Händler und somit auch deren Familien auf die Unterstützung von christlichen Uhrmachern und Établisseuren zählen, andererseits waren sie der Willkür der Regierung ausgesetzt, der es freistand, die Juden von ihrem Hoheitsgebiet zu vertreiben. Die Emanzipation der französischen Juden bedeutete jedoch bis zu einem gewissen Grad eine Sicherheit gegen Vertreibung, da sich Frankreich in mehreren Fällen gegen die Diskriminierung französischer Staatbürger einsetzte.
Dass im Jahr 1833 angeblich das erste Mal die hohen Herbstfeiertage von Familien aus dem Val-de-Ruz, dem Val-de-Travers, aus Le Locle und La Chaux-de-Fonds gemeinsam bei Léon Woog begangen wurden, kann wohl noch nicht als Gemeindegründung an sich verstanden werden, sicherlich aber als Schritt in diese Richtung.[23]
Was das Abgeschnitten-sein von Gemeindestrukturen, Traditionen und religiösen Inhalten für den einzelnen und die einzelne bedeutete, ist für uns nicht mehr zu eruieren. Da der Kontakt zu den Heimatgemeinden durch den Händlerberuf und durch neue Einwanderer nicht abriss, ist es vorstellbar, dass religiöse Bedürfnisse gestillt werden konnten, indem hohe Feiertage im Elsass verbracht, Heiraten dort geschlossen und für den Alltag wichtige Gegenstände in der alten Heimat besorgt wurden. Die Toten wurden ohnehin bis zur Eröffnung des israelitischen Friedhofes im Jahr 1872 weiterhin in Hegenheim bestattet. Die Distanz zur alten Heimat und der eigenen Religionsgemeinde, das Fehlen von Gemeindestrukturen überhaupt, kann aber auch als Chance zu Neuinterpretation und Umformulierungen von Tradition verstanden werden. Der zaghafte Beginn einer neuen Gemeinde im Jahr 1833 und das langsame Entstehen von gemeindeähnlichen Strukturen in den Folgejahren sind so sicherlich als erste Zeichen einer langfristigen Niederlassung zu werten.
Dafür spricht ebenso die Tatsache, dass in der „Judenzählung“ von 1839 in La Chaux-de-Fonds die ersten jüdischen Handwerker im Uhrensektor verzeichnet sind.[24] Ob es sich dabei um neu zugezogene junge Männer, oder aber Söhne der ersten Händlergeneration handelte, ist nicht mehr zu rekonstruieren. Das Eintreten in das Berufsfeld des Uhrmachers spricht in doppelter Hinsicht für den Willen, den Neuenburger Jura zur Heimat zu machen: Erstens ist ein Handwerker viel stärker an seinen Arbeitsort gebunden als ein Händler und zweitens handelt es sich beim Uhrmacherberuf um das spezifische Berufsfeld der lokalen Bevölkerung. 1839 war La Chaux-de-Fonds bereits eines der führenden Zentren der weltweiten Uhrenproduktion. Seine Söhne in diesem Beruf ausbilden zu lassen, heisst wohl nichts anderes als in das zukunftsträchtigste Berufsfeld zu investieren und damit in eine Zukunft im Uhrmacherort zu glauben. Damit werden auch zwei Dimensionen in der Funktion erkennbar: Die jüdischen Elsässer sind in La Chaux-de-Fonds distributiv und produktiv tätig.
Nicht zuletzt spricht aber auch die klar nach oben weisende demographische Kurve unmissverständlich dafür, dass die jüdischen Einwohner La Chaux-de-Fonds gewillt waren im Uhrmacherort zu bleiben und dieses Vorhaben auch nach aussen ausstrahlten. Die wirtschaftlich bedingte Emigration aus dem Elsass zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfolgte nicht nur nach Übersee oder in die neuen städtischen Zentren des elsässischen Judentums (u.a. Strassburg), sondern auch vermehrt in die Jurahügel. Der Handel mit und die Herstellung von Uhren wurde in den kommenden Jahrzehnten für viele nicht nur eine blosse Sicherung des familiären Auskommens, sondern im Laufe der Zeit zu einem Feld der Innovation, des Erfindergeistes und des Erfolges.
Bibliographie
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[1] Siehe zur Berufsstruktur der Juden im Elsass Hyman, Paula E.: The Emancipation of the Jews of Alsace. Acculturation and Tradition in the Nineteenth Century. New Haven 1991, S. 30-49.
[2] Siehe dazu auch weiter oben, wo auf ihre für die Kriegsführung der französischen Krone, wichtige Rolle als Pferdehändler- und Lieferanten verwiesen wird.
[3] ADHR, série 6M19; série 6M74; série 6M102 ; série 6M136 ; série 6M164 ; série 6M194.
[4] Die ersten Bankinstitute auf dem Land wurden während des zweiten Kaiserreiches (1852-1870) gegründet. Siehe dazu u.a. Caron, Vicki: Between France and Germany. The Jews of Alsace-Lorraine, 1871-1918. Stanford (Calif.) 1988, S. 47.
[5] Rogg, Léa: Regards sur les communautés juives du Sundgau et alentours. XVIIème au XXIème siècle. Heidelberg 2007, S. 9.
[6] ADHR, 6M 102; AjG ChdF.
[7] 1866 wurde den Juden in der Schweiz die Niederlassungsfreiheit gewährt, das Recht der freien Religionsausübung wurde erst 1874 mit der Gesamtrevision der Bundesverfassung erreicht.
[8] Siehe den Viehhandel betreffend: Kaufmann, Uri R.: Jüdische und christliche Viehhändler in der Schweiz 1780-1930. Zürich 1988, S. 24-27; 96., für den Edelmetall- respektive Uhrenhandel, siehe: Fallet-Scheurer, Marius: « Geschichte der Uhrmacherkunst in Basel, 1370-1874 ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der Uhrmacherkunst im allgemeinen, sowie zur Wirtschafts- und Kulturgeschichte Basels, » Diss Zürich, Stämpfli, 1917, S. 278-281.
[9] Nordmann, Achilles: Les Juifs dans le Pays de Neuchâtel. Neuenburg 1923, S. 17.
[10] ebd., S. 17f.
[11] Fallet-Scheurer: « Geschichte der Uhrmacherkunst in Basel, 1370-1874 ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der Uhrmacherkunst im allgemeinen, sowie zur Wirtschafts- und Kulturgeschichte Basels, » S. 249-284.
[12] 1764 waren in Basel 15 Uhrmachermeister verzeichnet, 1779 nahm deren Zahl auf 10 ab. Siehe: ebd., S. 261.
[13] Siehe zu den zahlreichen Verordnungen in Basel-Stadt betreffend den Uhrenhandel und die Uhrmacherei: ebd., S. 249-252; 263-272. Sowie StABS Handel und Gewerbe M, Hausierwesen 1753-1880 und StABS Handel und Gewerbe Y3, Sammlung Handwerksartikel der Stadt bis 19. Jh.
[14] Landes, David Saul: Revolution in Time. Clocks and the Making of the Modern World. Cambridge (Mass.) und London 2000, S. 16.
[15] Siehe dazu: Nordmann: Les Juifs dans le Pays de Neuchâtel.
[16] Tribolet, Charles-Godefroy de: Mémoires sur Neuchâtel 1806-1831. Neuchâtel 1902, S. 306.
[17] Zur Entwicklung der jüdischen Bevölkerungszahlen in La Chaux-de-Fonds, siehe Tabelle 8.
[18] Nordmann: Les Juifs dans le Pays de Neuchâtel, S. 20.
[19] Eine Ausnahme zu dieser Regelung bildeten die Brüder Weil und Woog, welche in den Genuss von zehnjährigen Aufenthaltsgenehmigungen kamen. Ebd., S. 22.
[20] Rothschild, Lothar: Die Juden von La Chaux-de-Fonds. Ein Stück schweizerjüdische Geschichte. – Zur Jahrhundertfeier der Gemeinde, Israelitisches Wochenblatt für die Schweiz 1934; Nordmann: Les Juifs dans le Pays de Neuchâtel, S. 23f.
[21] Rothschild: Die Juden von La Chaux-de-Fonds. Ein Stück schweizerjüdische Geschichte. – Zur Jahrhundertfeier der Gemeinde.
[22] Nordmann: Les Juifs dans le Pays de Neuchâtel, S. 24f.
[23] Wolff, Jules: Histoire de la Communauté 1833-1933, in: Communauté israélite de La Chaux-de-Fonds cent-cinquantième anniversaire, 1833-1983, hg. von André R. Weil und Communauté israélite (La Chaux-de-Fonds), La Chaux-de-Fonds 1983 (1933), S. 7.
[24] Nordmann: Les Juifs dans le Pays de Neuchâtel, S. 24.
